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  • AutorenbildDragi

Herkunftslos

Aktualisiert: 14. März 2023

Heute - zum ersten Mal - will ich mich zu meiner Herkunft und Geschichte zu Wort melden - ganz ohne Scham, trotz gesellschaftlicher Vorverurteilung. Ich will mich zu einem Land und zu einer Zeit bekennen, welche es nicht mehr gibt, die aber immer in meinem Herzen sein werden.

Ich will das ganz frei vom modrigen Geruch des Nationalstolzes tun, da es sich niemand aussuchen kann, wo, wie und als wer er auf die Welt kommt. Lassen wir also jede Folklore und Emotionen weg, die immer stärker nationale Bedürfnisse bedienen.

Meine Gedanken und Gefühle wurden durch den Tod eines großen Künstlers „Djole“ Djordje Balasevic hervorgerufen. Er hinterließ bei mir und weltweit bei vielen, die aus dieser vergangenen Zeit stammen, eine große Leere in unseren Herzen. Seine Lieder und Lyrik schaffen die Kunst Wahrheit mit Witz auf eine einzigartige Weise zu vereinen. Djoles Texte haben viele Menschen auf dem Weg durch ihr Leben fern einer zurückgelassenen Heimat begleitet. Mich haben seine Lieder besonders in meiner Jugend geprägt, in einer Zeit, in welcher wir aus diesem Land, das heute so leider nicht mehr existiert, durch die Flucht verlassen mussten. Wir waren vor dem sich ausbreitenden Krieg geflohen, mit Angst das eigene Leben in Sicherheit zu bringen und der großen Hoffnung bald wieder zurückkehren zu können.


Wir kamen in ein für uns fremdes Land, das uns nicht willkommen hieß. Doch Ausnahmen bestimmen die Regeln und Gott führt. Ihm sei Dank für die wenigen Privatpersonen, die uns freundlich und mitfühlend begegneten und uns aufnahmen. In dieser schrecklichen und unbeschreiblichen Situation endete mein und unser aller „Yugos“-Leben – ein schmerzhaftes Erlebnis, das vielen Menschen das Leben kostete.

KRIEG!!!

Krieg am Balkan.

Krieg mitten in Europa.

Krieg, der uns „Yugo-Flüchtlinge“ in der westlichen Welt offen und spürbar zu Menschen 2. Klasse machte.

Während ich versuche die richtigen Worte zu finden, um diese Situation und die durchlebte Zeit sachlich und nicht zu emotional in Worte zu fassen, laufen mir die Tränen herunter, es schnürt mir die Kehle ab und mein Kiefer fängt zu beben beim Gedanken an den Krieg, die verinnerlichte Angst versucht nach mir zu greifen. Vor nichts fürchte ich mich mehr, selbst meine Krankheit kann mich nicht in größerem Maß in Schrecken versetzen.

Angst, Trauer, Schmerz und der Verlust der Heimat haben unser Leben geprägt, für immer verändert und auf eine unerklärliche Art zu einem Verlust der Identität geführt. Mit dem Land ging die Heimat verloren und ich wurde zum herkunftslosen Flüchtling. Meine Hoffnung ist, dass der Mensch anfängt aus der Vergangenheit zu lernen, meine Gewissheit richtet sich aber heute als glücklicher Mensch darauf, wo meine künftige Heimat eines Tages sein wird und dass alles auf dieser Welt vergänglich ist. Wir alle sind Reisende und somit alle Flüchtlinge auf dieser Erde. Auch wenn für Menschen, speziell in westlichen Kulturen geboren und lebend, dies kein greifbarer Gedanke ist, so ist er doch Realität.

Heute, 30 Jahre später, habe ich mir als ehemaliger Flüchtling in der Fremde einen Status erkämpft. Aber noch immer Fragen und Kommentare zu meiner Person, meiner Herkunft, meinem Namen. Manchmal plump und offen, meistens unterschwellig – immer verletzend. Ich habe gelernt, damit umzugehen, lass es nicht mehr an mich heran. Ich lasse sie ruhen,

· die Vorurteile, die rasch zu Vorverurteilungen führen

· die Ignoranz, die meist auf Unwissen gebettet ist, und

· die Respektlosigkeit, die Menschen mit geringem Selbstwert entspringt - habe sie bisher in meinem Schweigen begraben. Endlich aber bekenne ich mich ganz ohne Scham zu meinem Geburtsland. Ein Land, das es so nicht mehr gibt, das ich nicht mehr benennen kann, aber das einzige Land, mit dem ich das Gefühl von Herkunft verbindet. Es wird mir klar, dass kein anderes Land mir in diesem Leben dieses Gefühl geben kann.

Trotzdem dass ich meine Wurzeln nun in Österreich geschlagen haben, fühle ich mich noch immer fremd – besuche ich das Land meiner Kindheit so greift ein anderes Gefühl von Fremdheit platz - entwurzelt. Die Ironie des Lebens hinterlässt ein Schmunzeln auf meinem Gesicht, denn ich habe gelernt: Ich bin da zu Hause, wo ich mich unter Menschen wohl fühle und diesem fremden Gefühl kein Raum gegeben wird. Für manche dieser Menschen hat es diese Grenzen nie gegeben, andere haben es fallen lassen und die Sinnlosigkeit dessen hoffentlich verstanden.

Als der Mensch und die Frau, die ich heute bin, fühle ich mich reich, denn ich durfte große Erfahrungen machen und das macht mich auch ein wenig stolz. In einer verrückten Zeit bin ich dankbar, dass ich in Frieden Leben darf. HALLELUJA.

Von der einstigen Heimat sind die Künstler und deren Lieder als nachhaltige Prägung geblieben. Auch wenn sie durch den Tod von uns getrennt werden werden sie für uns in unseren Herzen weiterleben und der Djordje Balasevic wird der bleiben, der uns auf eine unerklärliche Art immer vereint. Seine Lebenswerke und Werke vieler anderer bleiben uns als Nachlass für immer bestehen.

Zum Schluss hier Djordjes Liedworte: „samo da rata nebude“, d.h. „nur dass es keinen Krieg mehr geben wird“.

· Lasst uns die Grenzen und Vorurteile in unseren Köpfen überwinden.

· Lasst uns ohne Angst und Vorurteile aufeinander zugehe.

· Meistern wir die Herausforderungen des Lebens durch gegenseitige Unterstützung.



Mein Tipp:

· Du bist ein Individuum. Sei du selbst.

· Sei dankbar, egal wie die Umstände sind. Es gibt immer ein Grund zu Dankbarkeit.

· Und das Wichtigste: Behandle jedem mit dem Respekt, der dir selbst gebührt.

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