• Dragi

Wieder da!

Aktualisiert: 22. Aug. 2019

Es ist der 11.07.2019, gegen 22:30 Uhr

Ich sitze da vor meiner Ärztin, die mich vor sechs Jahren mit der Chemotherapie betreut hat, und höre diese Worte, die mir in meinen Gedanken das Fürchten gelernt haben, „Sie sind rezidiv - das komplette Program wieder“!


Seid meiner 1. Krebsdiagnose habe ich einen enormen Respekt vor dem Leben gelernt und was es heißt, im „Heute“ zu leben, und dass jeder Tag ein Geschenk ist, vor allem an den Tagen, an welchen ich mit meinem Schmerzpegel aufwache, an welchen ich mich eingependelt habe. Ich habe gelernt, dass mein Leben ohne Schmerzen nicht mehr existiert.


Ich habe enormen Respekt vor dem Leben und vor der Lebenszeit, die ich bekommen habe, und dass ALLES eine andere Bedeutung bekommt, wenn man erst richtig die Uhr der Zeit ticken hört. Das werden vor allem Menschen verstehen, die schon mal an der Kippe des Lebens gestanden sind. Sich mit der Zeit, die dir noch zu Verfügung steht, auseinanderzusetzen nach dem man erst die Uhr ticken hört, steht im krassen Gegensatz zu Floskel „gesunder“ Menschen: „Ja, jeder muss mal sterben.“ oder „Du bist stark, du schaffst das schon.“ oder „Du hast es schon einmal geschafft und du schaffst es wieder.“ usw.


Ich maße es mir in keinster Weise an zu sagen, dass nur Menschen mit einschneidenden Erlebnissen das Leben richtig verstehen oder leben. Aber mein Leben mit einer chronischen Erkrankung, meinem Krebs, ist in jeglicher Hinsicht eine Herausforderung für mich und sicher für meine engsten Vertrauten. Das Leben hat für mich nur einen Sinn, wenn ich mir noch etwas Lebensqualität ausrechnen kann.


Die Skurilität in dieser Sache ist, dass mein Kopf fortwährend mit dem Planen des Lebens beschäftigt ist, fast ohne Rücksicht auf meinen geschädigten und nicht mehr funktionierenden Körper, und ich mir dadurch meistens sehr hohe Herausforderungen stelle.


Nun ist es wieder soweit!

Mein Krebs - aufgrund eines Gen-Defekts ausgebrochen - ist wieder aktiv.


An dem oben erwähnten Abend erklärt mir die Ärztin, dass ich im Unterleib einen sehr grossen Tumor habe und wir wieder das volle Program machen werden.

Im nächsten Moment lasse ich mit einem Seufzer von meinen bisherigen Hoffnungen los. Ich teile meinen ersten Gedanken mit der Ärztin: „Ich habe die letzten fünf Jahre geschenkt bekommen und dafür bin ich unbeschreiblich dankbar“.

Sie lächelt mich an und erwidert mir ein „Ja“.


In diesem Moment herrscht das Gefühl vor, dass schon wieder meine Träume und die neuen Pläne, die ich mir für mein vermeintlich neues Leben gemacht hatte, zerstört werden. So abartig es ist, so vertraut fühlt es sich an.


Tja, mit sofort werde ich auf Morphium gesetzt, um mich von meinen enormen, unbeschreiblichen Schmerzen, verursacht durch ein sehr kompliziert gewachsenen Tumor, zu befreien. Die ersten Tage begreife ich zum ersten Mal, was es wirklich heißt komplett und wirklich schmerzfrei zu sein. Das Morphium tut seine Wirkung, es verursacht einerseits ein unbeschreibliches Glücksgefühl und andererseits enorme Traurigkeit, die mir immer wieder Tränen in die Augen treibt. In den nächsten Tage folgen weitere Untersuchungen und danach genaue Planungen des weiteren Vorgehens.


An einem Morgen stehe ich auf und beschließe mit meinem Blog online zu gehen, den mein Mann und ich schon vor einem Jahr fast fertig gestellt haben, aber ich nie DEN richtigen Zeitpunkt gefühlt habe ihn zu veröffentlichen. Nun ist er da!

Während ich meine damalige Erfahrung, Erlebnisse und Gefühle und alles sonstige, was mein Leben in den letzten sechs Jahren begleitet und geprägt hat, versuche nieder zu schreiben, ist die Krankheit wieder in voller Präsenz da. Das ist der Moment, an welchem ich als „erfahrene Krebskranke“, dieses Mal die Öffendlichkeit Teil haben lassen will. Dieser Blog soll Betroffenen von schweren Erkrankungen und den Menschen um sie herum vielleicht etwas helfen, mit solchen Situationen leichter umzugehen. Teilt Tage, Situationen, Erlebnisse und Gefühle miteinander um besser miteinander umgehen zu können.


Zwei Wochen nach der Diagnose ist die Operation erfolgt. Die nächsten Tage höre ich von allen Ärzten um mich, dass die Operation enorm kompliziert war. Mein Chirurg erzählt mir, dass er sich Verstärkung hohlen musste und dass alles noch mal anders ausgeschaut hat als am CD-Bild und die Operation sehr kompliziert und eine grosse Herausforderung war. Aber sie haben alles gut geschafft, ohne betroffene Organe und Gefäße zu verletzen.


Was für eine große Freude für mich! So seltsam es auch klingen mag, fühle ich mich in dem Moment unheimlich glücklich, gesegnet und dankbar. Meine erste Operation in meiner Krebsgeschichte, die ohne Komplikationen abgelaufen ist.


Der nächste Schritt ist, dass alles gut verheilt. Und dann wieder Chemotherapie.


Die letzten drei Wochen bin ich sehr zurückgezogen und habe versucht, mich zu sammeln und meine Gedanken zu managen, damit sie nicht ständig Achterbahn der Gefühle mit mir spielen. Eigentlich habe ich versucht, die Gefühle zu unterdrücken, um so wenig wie möglich zu spüren, um mich sachlich mit den Ärzten in Gesprächen über den weiterem Vorgang auseinanderzusetzen.


Vor über fünf Jahren habe ich gesagt, dass ich nie wieder eine Chemotherapie machen werde. Nun sitze ich da und versuche mit allem meinem Wissen, das ich mir in den letzten Jahren angeeignet habe, und den Gesprächen mit den Ärzten, eine Entscheidung zu treffen.

Nun, die Entscheidung ist gefallen.

Nächste Woche ist es soweit.

Ich starte wieder mit der Chemotherapie.


Die paar Tage bis dahin verbringe ich mit meinem Mann an der Adriaküste in einer traumhaften Umgebung und wir versuchen Kraft zu tanken und noch etwas „Normalität“ zu spüren, bevor es weiter geht.


Wie es mir dabei geht und alles andere, kannst du demnächst wieder hier lesen.



Mein Tipp:

Hör niemals auf, dir Ziele zu setzen!

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